Sandra in der Türkei

Mein EFD in der Türkei

Ich habe die letzten neun Monate in der Türkei verbracht und dort meinen EFD absolviert.

Ich war in einer Stadt namens Bursa, die eigentlich größer ist als Wien, die aber hier trotzdem niemand kennt. Kein Wunder, wenn man an Istanbul mit seinen 17 Millionen Einwohnern denkt, gerät eine drei Millionen Stadt wie Bursa schon mal ins Hintertreffen. Eigentlich war ich froh, in einer eher unbekannten Stadt zu sein. Ich denke, dass man dadurch das Leben in der Türkei vielleicht besser mitbekommt. Andererseits ist die Türkei so ein großes und diverses Land, dass es „das eine“ türkische Leben sowieso nicht gibt. Vergleicht man Istanbul mit einem südostanatolischen Dorf, wird man wohl überrascht sein, sich überhaupt im gleichen Land zu befinden. Von daher kann ich höchstens behaupten, einige Einblicke gewonnen zu haben.

Meine Motivation, in die Türkei zu gehen, rührte daher, dass ich ein Land kennen lernen wollte, dessen Kultur sich von der österreichischen deutlich unterscheidet. Im Rahmen des EFD, der ja doch auf Europa und einige nahe Länder beschränkt ist, schien mir die Türkei eine gute Wahl. Zudem hatte ich Glück, da mein Projekt gerade zu der Zeit, als ich eines suchte, frei war. Ich muss sagen, ich hatte bis auf Kebap bis zu diesem Zeitpunkt wenig bis keine Berührungspunkte mit der türkischen Kultur, trotz der vielen türkischstämmigen Einwohner_innen in Wien. Im Gegensatz zu vielen meiner Freund_innen mochte ich nicht einmal türkisches Essen sonderlich gerne, hatte noch kein einziges Buch von einem türkischen Autor gelesen, war noch nicht einmal in einem All-Inclusive-Urlaub in der Türkei gewesen. Ich hatte, kurz gesagt, keine blassen Schimmer und trotzdem entschloss ich mich, in dieses Land zu gehen. Auch trotz der Einwände von Familien und Freunden, die natürlich kamen und mit jeder schlechten Nachricht aus der Türkei eindringlicher wurden. Kurz überlegte ich mir sogar, alles abzubrechen, und doch setzte ich mich schließlich ins Flugzeug. Und heute, neun Monate später und zurück in Wien kann ich sagen, dass ich diese Entscheidung keine Sekunde lang bereut habe! Trotz oder gerade wegen der vieler Höhen und Tiefen, die es politisch sowie privat gab, war die Zeit in Bursa eine der spannendsten und lehrreichsten meines Lebens.

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Ich verbrachte die meiste Zeit meines Projektes in einer berufsbildenden Schule für geistig beeinträchtigte Jugendliche. Dies war meine erste Tätigkeit in diesem Bereich, weswegen ich zu Beginn auch einige Berührungsängste hatte. Diese verflogen allerdings sehr schnell, als sich herausstellte, wie herzlich sowohl Schüler_innen, als auch das Lehrpersonal mich in ihrer Schule aufnahmen. Trotz der Sprachbarriere, die vor allem zu Beginn Schwierigkeiten bereitete, gelang es mir rasch, mich einzugliedern und ich wurde schnell ein Bestandteil der Schule. Nach der anfänglichen Neugier (ich war die erste ausländische Freiwillige in dieser Schule)  wurde ich ein fester Bestandteil und meine Anwesenheit als selbstverständlich hingenommen, was mir ein sehr gutes Gefühl gab. In unserer Schule gibt es verschiedene Workshops, bei denen die Schüler_innen praktische Fähigkeiten erlernen sollten, die sie später im Berufsleben gebrauchen konnten. Ich nahm regelmäßig an diesen teil und brachte mich ein so gut ich konnte, unter anderem war ich im Keramik-Atelier, in der Küche, beim Holzbau und im schuleigenen Gewächshaus tätig.

Ich lernte unglaublich viel über die verschiedenen Arten von geistiger Beeinträchtigung, was ich als sehr wertvoll erachte. Gleichzeitig ist mir bewusst geworden, wie wenig Kontakt man im Alltagsleben mit Menschen hat, die „anders“ sind, und wie viele Vorurteile und Befangenheiten es trotz allem immer noch gegen Menschen mit Behinderungen gibt.

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Neben meiner Tätigkeit in der Schule schrieb ich einen Blog und einige Artikel über die Türkei und war bei Präsentationen in Schulen über den EFD anwesend (und versuchte mehr schlecht als recht auf Türkisch über meine Erfahrungen zu berichten). Diese Aktivitäten sollten Bewusstsein über die Möglichkeit eines Freiwilligendienstes schaffen. Außerdem veranstaltete ich zwei Konversationsclubs, Englisch und Deutsch, um Menschen die Möglichkeit zu geben, ihre Fremdsprachenkenntnisse zu üben. Diese Stunden waren für mich eine schöne Abwechslung und gleichzeitig eine Chance, neue Freunde kennen zu lernen und mich mit anderen jungen Menschen auszutauschen. Allerdings stellte es auch eine Herausforderung dar, eine Runde Menschen zu mit Diskussionen, Übungen und Spielen zu unterhalten und auch noch die verschiedenen Sprachniveaus zu berücksichtigen. Es war aber sehr interessant und hat mir meine eigene Muttersprache noch einmal aus einer ganz neuen Sicht nähergebracht.

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Abseits meiner Tätigkeiten hatte ich auch die Möglichkeit, die Türkei kennenzulernen. Ich hatte das Glück, über den Sommer dort gewesen zu sein, weswegen sich einige schöne Reisen ausgingen. Ich war wirklich überrascht, welche einmaligen Schönheiten dieses Land bietet, von denen ich zuvor noch nie gehört hatte. Nicht nur Istanbul und die klassischen Touristenziele am Mittelmeer sind sehenswert, daneben gibt es noch viele andere wundervolle Plätze zu entdecken.image4

Alles in allem kann ich sagen, dass die Monate in der Türkei die spannendsten meines Lebens waren. Auch wenn ich meinen Dienst wegen eines Konfliktes mit meiner Hostingorganisation, der mir am Ende noch viel Kraft gekostet hat, früher als geplant beendet habe,  blicke ich sehr positiv auf die Zeit zurück. Ein neues Land und eine neue Kultur so kennenzulernen, wie es in einem EFD ermöglicht wird, ist unglaublich wertvoll. Auch eine Tätigkeit auszuüben, die man sich vielleicht vorher nicht zugetraut hatte oder sich einfach nicht vorstellen konnte, kann eine sehr gute Erfahrung sein. Und auch durch Konflikte lernt man, zum Beispiel seine Rechte und Grenzen kennenzulernen, was für die Zukunft sicherlich von Vorteil ist. Ich habe durch meinen Freiwilligendienst sehr viel gewonnen, Freund_innen, Kolleg_innen, neue Perspektiven, ungeahnte Fähigkeiten. Somit kann ich jeder und jedem nur empfehlen, egal ob man 17 oder 30 ist, etwas Neues zu wagen und das Abenteuer EFD selbst auszuprobieren!

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